November 2022: Um wen geht es? Schauen wir in den Spiegel!

Menschenrechtsverletzungen in Katar, steigender CO2-Ausstoss in Indien und China, Wahlsiege von (Post-)Faschist*innen in Italien und Schweden: Es fällt leicht Probleme nicht bei uns zu suchen. Doch eine kleine Übung verdeutlicht, dass der Fokus auf „Andere“ viel über uns selbst aussagt: Während wir mit dem Zeigefinger auf Andere deuten sind drei Finger auf uns gerichtet.

Externalisierung“ nennt die Wissenschaft dieses Phänomen: Die Verantwortung wird nicht bei sich selbst, sondern außerhalb der eigenen Einflusssphäre gesucht. Eine prima Strategie, um die eigene Verwicklung zu verstecken und sich keine Gedanken über mögliche Handlungsmöglichkeiten machen zu müssen. Es ist bequem sich lustig zu machen über Franz Beckenbauer, der auf den WM-Baustellen „keinen einzigen Sklaven gesehen hat.“ Oder über Uli Hoeneß, der auf Kritik reagierte mit: „Das ist der Fußballclub Bayern München und nicht die Generalversammlung von Amnesty International!“

Nur: Denken wir beim Tanken mit Öl aus Katar an die Berichte diverser Menschenrechtsorgas und verkneifen uns das Fahren? Erinnern wir uns an die Reportagen zahlreicher Journalist*innen zu den vielen Todesfällen während wir uns die WM-Spiele anschauen, die in den dafür verantwortlichen Stadien ausgetragen werden? Schalten wir ab? Schreiben wir Protestbriefe an die Verantwortlichen?

Kognitive Dissonanz“ führt zu oftmals großen Lücken: Zwischen unserm Wissen darum, was gut und richtig für mich, meine Mitmenschen und die Umwelt wäre und meinen realen Verhaltensweisen. Dank unserer globalisierten und komplexen Welt verstecken sich die Folgen unseres Handeln meist recht gut, da sie an entfernten Orten auftreten, zeitlich erst viel später sichtbar werden (wie beim Klimawandel) oder Wirkungen kaum exakt zu meinen Aktivitäten zuzuordnen sind. So lebt es sich leicht mit der Textzeile von Dota Kehr im Ohr: „Immer die Ander'n - wie könnt' es anders sein.“

Wir sind da ganz bei der Band „Die Ärzte“: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär’ nur deine Schuld wenn sie so bleibt!“ - Dem würde wohl auch der Göttinger Menschenrechtler Dr. Kamal Sido zustimmen. Er verweist auf die „vielen Gegenangebote an Veranstaltungen, wo sich kritisch mit der WM auseinandergesetzt werden kann.“ Dabei sind auch viele Bars und Kneipen, die statt Public Viewing andere Aktivitäten ins Programm nehmen. Auf der WM-Boykott-Karte des Katapult-Magazins findet sich aus der Region nur der Clausthaler „Kellerclub im Stuz“. Dort gibt es, wie bei vielen anderen Kneipen deutschlandweit auch, „Quartett statt Katar.“

Wie in den Toiletten der Kneipen hängt aktuell auch auf dem Gelände  des Natur-Erlebniszentrum Gut Herbigshagen in Duderstadt ein Spiegel. Dieser ist Teil der EPIZ-Lernskulpturen und ist beschriftet mit: „Hier siehst Du den Menschen, der die Welt verändern kann“.

In diesem Sinne: Einen selbstreflektierten November wünschen

Chris Herrwig und das EPIZ-Team!

Oktober 2022: Solidarisch Kritik geben und nehmen in Südniedersachsen und überall

„Sie hat mich ganz höflich darauf hingewiesen, dass sie das Wort als Betroffene für ein Problem hält und sich davon verletzt fühlt.“ So beschreibt eine Apothekerin aus Hofgeismar (westlich von Göttingen), warum sie den problematischen Namen ihres Ladens änderte und unterstreicht: „Viele gesellschaftliche Probleme kann ich persönlich nicht lösen. Doch hier kann ich aktiv etwas verändern.“

Wie sie sind auch die meisten Wissenschaftler*innen überzeugt, dass Sprache einen immensen Einfluss hat. „Sprache ist eine mächtige Lenkerin, die Denken, Empfinden und Werten [...] vorprägt“ schreibt Prof. Josef Klein. Wenig überraschend bildet unser Sprachgebrauch so auch historisch-gewachsene Machtungleichheiten ab. Dies zeigen sehr eindrucksvoll Prof. Susan Arndt sowie die Journalistin Nadja Ofuatey-Alazard in ihrem Buch „(K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache“ – das steht natürlich auch in unserer gut sortierten EPIZ-Bibliothek zur Ausleihe.

Dort, wie an vielen anderen Stellen, wird auch auf die Problematik des Begriffs „Entwicklung“ verwiesen: Das westlich-geprägte Konzept und die meist damit verbundenen Vorstellungen von „Modernisierung“ sind bis heute eng verknüpft mit kolonialen Kontinuitäten und den damit einhergehenden Machtasymmetrien. Dabei sind wir uns doch heute fast alle einig, dass wir mit Blick auf globale Ungleichheiten viel mehr verwickelt als entwickelt sind. Damit rücken eher Begriffe wie Solidarität und das gemeinsame Streben nach (globaler) Gerechtigkeit in den Vordergrund.

Hier knüpfen auch aktuelle Debatten innerhalb des Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen an: Auf der kommenden für alle offenen Landeskonferenz „geht es um ganz Grundsätzliches: Ist die aktuelle Entwicklungspolitik noch angemessen in Zeiten der vielfachen weltweiten Krisen? Ist „Entwicklung“ noch das richtige Konzept angesichts dekolonialer Kritik? Und wie ist es möglich, sich für eine gerechte, friedliche und nachhaltige Welt zu engagieren?“

Vielleicht findet sich das „Gute Leben“ eher beim entspannten Genuss eines Einbecker Bieres in netter Gesellschaft am Wendebach-Stausee als auf einer Yacht vor den Bahamas? Vielleicht ist uns die Ermöglichung eines Lebens in Würde für alle Lebewesen weltweit wichtiger als das Privileg auf Kosten anderer und der Natur zu leben? So wie die „Apotheke mit Herz“ nicht verletzt sondern heilt und die deutsche Band „Electric Callboy“ nicht nur ihren problematischen Namen änderte, sondern den begleitenden Prozess zusammen mit ihren Fans (selbst-)kritisch reflektiert.

In diesem Sinne: Einen elektrisierenden Oktober „mit Herz“ wünschen
Chris Herrwig und das EPIZ-Team!

September 2022: Südniedersachsen - Eine Welt, in der viele Welten Platz haben!?

„Das Leben in all seiner Fülle ausschöpfen, den Kontakt zur Natur suchen, sie zu verstehen und mit ihr in Harmonie zu leben. Essen im Überfluß, ein Dach überm Kopf und keine Sorgen zu haben.“ - Klingt erstrebenswert, oder? Mit diesen Worten beschreibt Patricia Gualinga, Sprecherin der Gemeinschaft von Sarayaku aus dem Amazonasgebiet für den Deutschlandfunk das „Sumak Kawsay“ (Gutes Leben).

Ähnlich klingt es bei vergleichbaren (indigenen) Philosophien wie dem „Ubuntu“ der Zulu und Xhosa im südlichen Afrika, dem „Pachamama“ der Quechua und Aymara in den Anden, dem „Sankofa“ der Akan im westlichen Afrika, dem Demokratischen Konföderalismus der kurdischen Bewegung in Rojava und Co, dem „Kawaida“ des Black Freedom Movements oder dem „Zapatismo“ in Mexiko.

Im Angesicht der zahlreichen multiplen Krisen (Klima, Umwelt, globale Gerechtigkeit…) wird immer deutlicher, dass sich unsere Gesellschaften grundlegend verändern müssen. Starke Stimmen finden sich dafür zuhauf. Eine kommt von Prof. Dr. Dr. Felix Ekardt und diese war auch auf dem vergangenen Weltweitwissen-Leitkongress für Globales Lernen deutlich vernehmbar: Wir brauchen dauerhafte und global durchhaltbare Lebens- und Wirtschaftsweisen. Von denen sind wir aktuell im Bezug auf die wichtigsten Felder Energie, Klima, Ressourcen oder Ökosysteme meilenweit entfernt.

Es braucht demnach tiefgreifende und nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen. Dafür sind insbesondere unsere Haltungen und Lebensweisen verantwortlich. Um diese zu reflektieren und zu transformieren müssen wir allerdings nicht (nur) in den Globalen Süden schauen: Auch bei uns gibt es zarte Pflänzchen für sozial-ökologischen Kulturwandel: Sei es beispielsweise der „Utopische Freiraum K20“ in Einbeck, die (subkulturellen) Göttinger Vereine „Flause“ und „Peloton“, das freie Theater „boat people project“, die migrantisch-geprägten „Internationalen Gärten“ sowie die Zukunfts-Werkstatt im Haus der Kulturen, die Organisator*innen des „African Liberation Day“ und das „BIPoC-Kollektiv“ in Göttingen oder der Lebens- und Lernort „gASTWERKe“ im Süden des Landkreises.

Es gibt sie also auch bei uns: Eine Welt, in der viele Welten Platz haben. Wenn es nach uns geht, darf dieses südniedersächsische „Pluriverse“ gerne noch größer und vielfältiger werden.

In diesem Sinne: Einen bunten September – nicht nur Dank des einsetzenden Herbstes - wünschen

Chris Herrwig und das EPIZ-Team!

Juli/August 2022: Wir fragen uns, was ist „fair“? In Südniedersachsen und überall

Wie schön wäre es, wenn „Fairer Handel“ uns endlich globale Gerechtigkeit bringen würde. Wie gerne würden wir tagtäglich im wunderbaren Göttinger Weltladencafé oder einem der vielen verwandten Läden im Umland einkaufen und uns ansonsten nicht mit Armut, Hunger und Ausbeutung weltweit beschäftigen zu müssen. Laut einer Studie des Forum Fairer Handel gab jede vierte befragte Person an, regelmäßig fair gehandelte Produkte zu kaufen – das sind doch gute Nachrichten, oder?

Viele haben Zweifel, auch der Philosoph Slavoj Žižek. Er verweist in einem sehr empfehlenswerten Beitrag auf problematische Dynamiken. Dazu zählt, dass unreflektierter und unkritischer „ethischer“ Konsum das ausbeuterische System eher stützt: Er kann dazu beitragen einigen Produzent*innen ein besseres Auskommen zu ermöglichen. Dadurch verhindert er aber eventuell die Umstrukturierung globaler Handelsbeziehungen als Ganzes. Drastisch formuliert Žižek angelehnt an Oscar Wilde: „Die schlimmsten Sklavenhalter*innen sind diejenigen, die nett zu ihren Sklav*innen sind.“

Das Unternehmen „fairafric“ wirbt damit, dass die Produktion der Schokolade nicht wie üblich in Europa, sondern in Ghana stattfindet. Damit bleibt ein größerer Teil der Wertschöpfung als üblich im Ursprungsland – jedoch weiterhin weniger als die Hälfte. Wir und andere fragen uns: Ist dafür die Bezeichnung „superfair“ gerechtfertigt, die das Unternehmen auf die Schokoladen druckt?

Der Begriff „fair“ ist nicht geschützt, worauf die Guerilla Aktion „Agraprofit“ schon 2012 eindrucksvoll hinwies – mit einem Marktstand der Spottpreise anbot, die fair waren - für die Konsument*innen.

Um breiten- und tiefenwirksam zu sein muss der Faire Handel flankiert werden von Kampagnenarbeit, wie sie neben den Weltläden beispielsweise die Initiative Lieferkettengesetz betreibt: Sie kämpft für eine EU-weite Regelung von Arbeits- und Produktionsbedingungen. Andere, wie die Vereine „Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung“ oder „Germanwatch“ setzen zusätzlich auf transformative Bildungsarbeit, Informationsveranstaltungen und politische Lobbyarbeit.

Davon lassen wir uns gerne inspirieren: Während wir im anstehenden Sommer das vorzügliche „Fair CoCo“-Eis in der Göttinger Nikolaistraße schlemmen oder auch andere faire Produkte aus dem EPIZ-Einkaufsführer „Gö Fair“, wollen wir gerne noch mehr Reflexionsgespräche über die Transformation des globalen Handelsregimes führen. Sicherlich auch eine prima Vorbereitung auf die Faire Woche, die im September auch wieder in Göttingen und Umgebung das Thema Fairer Handel sprichwörtlich in alle Munde bringen will. Beiträge zum Veranstaltungsprogramm können übrigens noch bis zum 17. Juli eingereicht werden :)

Einen guten – nein, einen superguten! - Sommer wünschen

Chris Herrwig und das EPIZ-Team!

Juni 2022: Es ist mehr als genug Nahrung für alle da – in Südniedersachsen und überall

Im Hintergrund läuft elektronische Musik, im Vordergrund schnippeln zahlreiche junge und nicht mehr ganz junge Menschen gerettete Lebensmittel und gesprochen wird unter Anderem über Ernährungssouveränität und Land Grabbing: An vielen Orten finden immer wieder sogenannte Schnippeldiskos statt, auch in Göttingen beim Westfest auf dem Peloton Gelände an der musa.

Vielen hier ist bewusst, dass etwa ein Zehntel der fast acht Milliarden Menschen weltweit hungert, trotz verfügbarer Nahrung für ca. zehn bis zwölf Milliarden. Die Nahrungsmittelverteilung heute unterscheidet sich kaum von der aus der Kolonialzeit: Besonders aus dem Globalen Süden werden Rohstoffe exportiert und im Norden zu Geld gemacht.

Nicht zuletzt auch im „Fleischland Niedersachsen“, wo wertvolle Nahrung tagtäglich an etwa 2,5 Millionen Rinder, 8 Millionen Schweine und knapp 86 Millionen Hühner verfüttert wird. Vieles davon kommt aus dem Globalen Süden über Europas führenden Importhafen für Futtermittel in Brake an der Weser hierher.

Gegen dieses Ernährungsregime regt sich Widerstand: Wie viele andere auch fordert die Slow Food Youth mit ihrem Göttinger Ableger faire Wertschöpfungsketten im Rahmen der Kampagne #OurFoodOurFuture. Ähnlich positioniert sich der Ernährungsrat Göttingen für Soziale Gerechtigkeit, Klimagerechtigkeit, Zukunftsfähigkeit und Krisenbeständigkeit. Kleinbäuer*innen brauchen Zugang zu Land, Wasser und Saatgut sowie machtsensible Handelsabkommen und eine gerechte Förderpolitik – wie vom International Peasants’ Movement La Via Campesina oder auch der Nyéléni-Bewegung für Ernährungssouveränität gefordert.

Über solche Ansätze lässt sich vortrefflich in öffentlichen Gemeinschaftsgärten diskutieren, zum Beispiel in den Internationalen Gärten in Göttingen. Während hier im Hintergrund Bienen summen und im Vordergrund Menschen mit vielfältigen Identitäten zusammen Obst und Gemüse pflanzen wird deutlich: Ein sozial-ökologisches Ernährungssystem ist möglich.

Einen satten und geschmackvollen Juni wünschen

Chris Herrwig und das EPIZ-Team!

 

Mai 2022: Eine globalisierte Welt braucht vielfältige und machtkritische Geschichte(n) – in Südniedersachsen und überall

Zahlreiche rot-schwarz-grüne Fahnen der Bewegung eines freien und vereinten Afrikas werden geschwenkt, von Transparenten grüßt der Freiheitskämpfer T homas Sankara und in Redebeiträgen wird Imperialismus angeprangert: Das geschieht nicht nur in Bamako/Mali, Accra/Ghana oder Lagos/Nigeria sondern in Göttingen im Mai 2021. Anlässlich des African Liberation Days zogen 200 Menschen durch die Innenstadt. Sie zeigten eindrucksvoll: Südniedersachsen ist mehr als die Gebrüder Grimm, Bismarck oder Johann Carl Friedrich Gauß.

Dennoch bekommen Geschichten wie die von Dr. Chicgoua Noubactep, dem in Kamerun geborenen langjährigen Ortsbürgermeister von Rittmarshausen im Landkreis Göttingen (bis 2021), aufgrund von bestehenden Machtstrukturen viel zu selten Raum. Darauf weist unter Anderem die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie in ihrem millionenfach geklickten Beitrag „The danger of a single story“ hin. Neben ihr stellen viele andere, wie beispielsweise die Neuen deutschen Medienmacher*innen, die entscheidenden Fragen: Welche Geschichten werden erzählt? Wer erzählt? Wer wird gehört?

BBQ – Der Black Brown Queere Podcast“ findet darauf klare Antworten: Hier
liefern der in Göttingen aufgewachsene Dominik Djialeu und sein Co-Host Zuher Jazmati queere und BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) Perspektiven auf Themen mit gesellschaftlicher Relevanz. Solche spiegeln sich auch im Film „Futur Drei“, in der sich eine postmigrantische Pop-Utopie (Zitat Spiegel) entfaltet. Dank der Schauspielerin Florence Kasumba ist inzwischen auch eine afrodeutsche Ermittlerin im Göttinger Tatort präsent.

Ähnlich steht es um den ersten schwarzen Superhelden im US-amerikanischen Comic-Mainstream: Dessen oscarprämierte Verfilmung „Black Panther“, bei der auch Florence Kasumba mitwirkte, thematisiert unter anderem die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen auf dem afrikanischen Kontinent und die Frage nach globaler Solidarität mit Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen.

Mit diesen Themen beschäftigen sich in Göttingen intensiv das BIPoC-Kollektiv sowie die lokalen Organisator*innen des bereits oben erwähnten African Liberation Day – der auch in diesem Jahr wieder weltweit und auch in Südniedersachsen am 25. Mai begangen wird. Vorher - am 10. Mai – veröffentlicht außerdem die Vernetzung „Göttingen Postkolonial“ ihren neuen Stadtrundgang.

Einen Mai voller machtkritischer und diskriminierungssensibler Reflexionen wünschen

Chris Herrwig und das EPIZ-Team!

 

April 2022: #StandWithUkraine und #leavenoonebehind

Wir können nichts tun ohne Optimismus“ schreibt die Bürgerrechtlerin Angela Davis mit Blick auf Anti-Kriegs-Proteste. In diesem Sinne fragen wir uns gemeinsam mit unserm Dachverband VENRO: Wie kann eine angemessene Haltung zur humanitären Katastrophe in Europa aussehen?

Das Leid in der Ukraine bewegt uns sehr. Gleichzeitig gehen unsere Gedanken auch nach Tigray/Äthiopien, in den Jemen, den Kongo, nach Mali, Sudan und Südsudan, Syrien, Kurdistan und nach Afghanistan. In vielen Teilen der Welt finden blutige Konflikte statt. Bei fast allen sind auch europäische Akteur*innen beteiligt und europäische Firmen verdienen mit. Darauf weist das transnationale Netzwerk Afrique Europe-Interact (AEI) hin.

Mit dem in Göttingen ansässigen Roma Center und vielen anderen Organisationen kritisiert AEI auch in diesem Zusammenhang die rassistische Ungleichbehandlung von Geflüchteten an den EU-Außengrenzen und in der medialen Wahrnehmung: Viele Berichte verweisen auf rassistische Diskurse rund um zivilisierte und unzivilisierte Kriegsopfer.

Dabei ist Krieg mit Abstand die größte Fluchtursache, egal ob in Kiew, Bamako oder Mek’ele. Darauf verweist auch das südniedersächsische Museum Friedland. Jeder Krieg bringt unsägliche Folgen mit sich, unter Anderem anschließende Nahrungsmittelknappheit: Auf Krieg folgt Hunger. Dies wird jetzt besonders befürchtet, da Russland und die Ukraine große Getreideexporteur*innen sind. Von den Lieferungen abhängig sind insbesondere materiell arme Gebiete in Afrika und Asien, wie der kriegsgebeutelte Jemen oder der Libanon.

Sanktionen sollten die Machthabenden treffen. Menschen auf der Flucht brauchen unsere direkte Unterstützung. Als lokale Koordinierungsstelle fungiert dafür unter Anderem das Migrationszentrum in Göttingen. Spenden und praktische Hilfe wie Übernachtungsplätze vermitteln zahlreiche Organisationen der Region, unter Anderem „Rock for Tolerance e.V.“ in Hannoversch Münden.

Die breite Solidarität vermittelt – ganz im Sinne von Angela Davis – Optimismus und die Hoffnung auf bessere Zeiten. Daher summen wir dann doch mit den Musikern Kummer und Fred Rabe „Fühlt sich nicht danach an, aber alles wird gut“.

Einen optimistischen April wünschen Chris Herrwig und das EPIZ-Team!

März 2022: Fallen und Fliegen im sich wandelnden Südniedersachsen

Fallen, schreibt der Philosoph Báyò Akómoláfé, könnte sehr gut auch fliegen sein – wenn wir nur die Koordinaten „oben“/“unten“ loswerden und uns freier im Raum bewegen: Das Fehlen von Koordinaten, von klaren Zielen und Gewissheiten, nehmen wir viel zu oft als Problem wahr. Wir tendieren dazu, Ungewissheiten und Widersprüche kaum aushalten zu können. Dabei müssten wir nicht darüber stolpern. Statt zu taumeln und zu fallen könnten wir – fliegen.

Dazu bräuchte es einen radikalen Kulturwandel: Einlassen aufs Treiben lassen, auf unplanbare Wege und auf Pfade, die bisher kaum erforscht und kaum beschritten wurden. Einlassen auf radikale Brüche mit unseren heutigen imperialen Lebensstilen, wie sie die Wissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen beschreiben. Wie viele andere weisen sie darauf hin, dass wir nicht um eine „sozial-ökologische Transformation“ herumkommen werden – hin zu einer solidarischen Lebensweise.

Dabei unterstützen kann uns das Lernen, die Welt aus vielen Perspektiven „lesen“ zu können: Wie wir Dinge wahrnehmen und welche Annahmen dahinter stecken, ist uns viel zu selten bewusst. So entgehen uns beispielsweise indigene Wissensschätze – was nicht zuletzt an der fehlenden Aufarbeitung kolonialer Kontinuitäten liegt.

Ein Schritt dahin wurde am 9. Februar 2022 vollzogen: An diesem Tag übergab die Universität Göttingen menschliche Überreste aus ihren Sammlungen an hawaiianische Nachfahren – so wie auch Institutionen in Bremen, Jena, Berlin und Wien. 58 iwi kūpuna - wie die Gebeine der Ahnen in Hawaii genannt werden - kehren so wieder zurück in ihre Heimat. Diese sogenannten Restitutionen lassen mindestens Anklänge eines Kulturwandels erahnen.

Derlei dekoloniale Momente finden viel zu selten den Weg auf die großen Titelseiten. Gut, dass es aber Journalist*innen wie Sham Jaff und ihren Newsletter „What happened last week“ gibt: In diesem finden marginalisierte Stimmen weltweit Gehör. Wer dazu noch die passende Musik braucht, der sei auf die dazugehörige Playlist „Decolonize Weekly“ hingewiesen :)

Zu deren Klängen lässt es sich vortrefflich fliegen – ohne die hinderlichen Zwänge von Koordinaten, die uns in weitere multiple Krisen leiten anstatt in die Richtung des Guten Lebens für Alle.

Einen guten Frühlingsstart wünschen Chris Herrwig und das EPIZ-Team!