Mai 2022: Eine globalisierte Welt braucht vielfältige und machtkritische Geschichte(n) – in Südniedersachsen und überall

Zahlreiche rot-schwarz-grüne Fahnen der Bewegung eines freien und vereinten Afrikas werden geschwenkt, von Transparenten grüßt der Freiheitskämpfer T homas Sankara und in Redebeiträgen wird Imperialismus angeprangert: Das geschieht nicht nur in Bamako/Mali, Accra/Ghana oder Lagos/Nigeria sondern in Göttingen im Mai 2021. Anlässlich des African Liberation Days zogen 200 Menschen durch die Innenstadt. Sie zeigten eindrucksvoll: Südniedersachsen ist mehr als die Gebrüder Grimm, Bismarck oder Johann Carl Friedrich Gauß.

Dennoch bekommen Geschichten wie die von Dr. Chicgoua Noubactep, dem in Kamerun geborenen langjährigen Ortsbürgermeister von Rittmarshausen im Landkreis Göttingen (bis 2021), aufgrund von bestehenden Machtstrukturen viel zu selten Raum. Darauf weist unter Anderem die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie in ihrem millionenfach geklickten Beitrag „The danger of a single story“ hin. Neben ihr stellen viele andere, wie beispielsweise die Neuen deutschen Medienmacher*innen, die entscheidenden Fragen: Welche Geschichten werden erzählt? Wer erzählt? Wer wird gehört?

BBQ – Der Black Brown Queere Podcast“ findet darauf klare Antworten: Hier
liefern der in Göttingen aufgewachsene Dominik Djialeu und sein Co-Host Zuher Jazmati queere und BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) Perspektiven auf Themen mit gesellschaftlicher Relevanz. Solche spiegeln sich auch im Film „Futur Drei“, in der sich eine postmigrantische Pop-Utopie (Zitat Spiegel) entfaltet. Dank der Schauspielerin Florence Kasumba ist inzwischen auch eine afrodeutsche Ermittlerin im Göttinger Tatort präsent.

Ähnlich steht es um den ersten schwarzen Superhelden im US-amerikanischen Comic-Mainstream: Dessen oscarprämierte Verfilmung „Black Panther“, bei der auch Florence Kasumba mitwirkte, thematisiert unter anderem die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen auf dem afrikanischen Kontinent und die Frage nach globaler Solidarität mit Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen.

Mit diesen Themen beschäftigen sich in Göttingen intensiv das BIPoC-Kollektiv sowie die lokalen Organisator*innen des bereits oben erwähnten African Liberation Day – der auch in diesem Jahr wieder weltweit und auch in Südniedersachsen am 25. Mai begangen wird. Vorher - am 10. Mai – veröffentlicht außerdem die Vernetzung „Göttingen Postkolonial“ ihren neuen Stadtrundgang.

Einen Mai voller machtkritischer und diskriminierungssensibler Reflexionen wünschen

Chris Herrwig und das EPIZ-Team!

 

April 2022: #StandWithUkraine und #leavenoonebehind

Wir können nichts tun ohne Optimismus“ schreibt die Bürgerrechtlerin Angela Davis mit Blick auf Anti-Kriegs-Proteste. In diesem Sinne fragen wir uns gemeinsam mit unserm Dachverband VENRO: Wie kann eine angemessene Haltung zur humanitären Katastrophe in Europa aussehen?

Das Leid in der Ukraine bewegt uns sehr. Gleichzeitig gehen unsere Gedanken auch nach Tigray/Äthiopien, in den Jemen, den Kongo, nach Mali, Sudan und Südsudan, Syrien, Kurdistan und nach Afghanistan. In vielen Teilen der Welt finden blutige Konflikte statt. Bei fast allen sind auch europäische Akteur*innen beteiligt und europäische Firmen verdienen mit. Darauf weist das transnationale Netzwerk Afrique Europe-Interact (AEI) hin.

Mit dem in Göttingen ansässigen Roma Center und vielen anderen Organisationen kritisiert AEI auch in diesem Zusammenhang die rassistische Ungleichbehandlung von Geflüchteten an den EU-Außengrenzen und in der medialen Wahrnehmung: Viele Berichte verweisen auf rassistische Diskurse rund um zivilisierte und unzivilisierte Kriegsopfer.

Dabei ist Krieg mit Abstand die größte Fluchtursache, egal ob in Kiew, Bamako oder Mek’ele. Darauf verweist auch das südniedersächsische Museum Friedland. Jeder Krieg bringt unsägliche Folgen mit sich, unter Anderem anschließende Nahrungsmittelknappheit: Auf Krieg folgt Hunger. Dies wird jetzt besonders befürchtet, da Russland und die Ukraine große Getreideexporteur*innen sind. Von den Lieferungen abhängig sind insbesondere materiell arme Gebiete in Afrika und Asien, wie der kriegsgebeutelte Jemen oder der Libanon.

Sanktionen sollten die Machthabenden treffen. Menschen auf der Flucht brauchen unsere direkte Unterstützung. Als lokale Koordinierungsstelle fungiert dafür unter Anderem das Migrationszentrum in Göttingen. Spenden und praktische Hilfe wie Übernachtungsplätze vermitteln zahlreiche Organisationen der Region, unter Anderem „Rock for Tolerance e.V.“ in Hannoversch Münden.

Die breite Solidarität vermittelt – ganz im Sinne von Angela Davis – Optimismus und die Hoffnung auf bessere Zeiten. Daher summen wir dann doch mit den Musikern Kummer und Fred Rabe „Fühlt sich nicht danach an, aber alles wird gut“.

Einen optimistischen April wünschen Chris Herrwig und das EPIZ-Team!

März 2022: Fallen und Fliegen im sich wandelnden Südniedersachsen

Fallen, schreibt der Philosoph Báyò Akómoláfé, könnte sehr gut auch fliegen sein – wenn wir nur die Koordinaten „oben“/“unten“ loswerden und uns freier im Raum bewegen: Das Fehlen von Koordinaten, von klaren Zielen und Gewissheiten, nehmen wir viel zu oft als Problem wahr. Wir tendieren dazu, Ungewissheiten und Widersprüche kaum aushalten zu können. Dabei müssten wir nicht darüber stolpern. Statt zu taumeln und zu fallen könnten wir – fliegen.

Dazu bräuchte es einen radikalen Kulturwandel: Einlassen aufs Treiben lassen, auf unplanbare Wege und auf Pfade, die bisher kaum erforscht und kaum beschritten wurden. Einlassen auf radikale Brüche mit unseren heutigen imperialen Lebensstilen, wie sie die Wissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen beschreiben. Wie viele andere weisen sie darauf hin, dass wir nicht um eine „sozial-ökologische Transformation“ herumkommen werden – hin zu einer solidarischen Lebensweise.

Dabei unterstützen kann uns das Lernen, die Welt aus vielen Perspektiven „lesen“ zu können: Wie wir Dinge wahrnehmen und welche Annahmen dahinter stecken, ist uns viel zu selten bewusst. So entgehen uns beispielsweise indigene Wissensschätze – was nicht zuletzt an der fehlenden Aufarbeitung kolonialer Kontinuitäten liegt.

Ein Schritt dahin wurde am 9. Februar 2022 vollzogen: An diesem Tag übergab die Universität Göttingen menschliche Überreste aus ihren Sammlungen an hawaiianische Nachfahren – so wie auch Institutionen in Bremen, Jena, Berlin und Wien. 58 iwi kūpuna - wie die Gebeine der Ahnen in Hawaii genannt werden - kehren so wieder zurück in ihre Heimat. Diese sogenannten Restitutionen lassen mindestens Anklänge eines Kulturwandels erahnen.

Derlei dekoloniale Momente finden viel zu selten den Weg auf die großen Titelseiten. Gut, dass es aber Journalist*innen wie Sham Jaff und ihren Newsletter „What happened last week“ gibt: In diesem finden marginalisierte Stimmen weltweit Gehör. Wer dazu noch die passende Musik braucht, der sei auf die dazugehörige Playlist „Decolonize Weekly“ hingewiesen :)

Zu deren Klängen lässt es sich vortrefflich fliegen – ohne die hinderlichen Zwänge von Koordinaten, die uns in weitere multiple Krisen leiten anstatt in die Richtung des Guten Lebens für Alle.

Einen guten Frühlingsstart wünschen Chris Herrwig und das EPIZ-Team!